Unterrichten vom heimischen Bildschirm

30. März 2020Allgemein, Bildungsangebote, Schulleben

Erfahrungsbericht eines Lehrers

Schlaftrunken taste ich nach dem Wecker. „Hätte der nicht schon längst klingeln müssen?“, frage ich mich irritiert. Der Wecker in meiner Hand zeigt mir viertel nach sechs an. Ach ja, da war doch was! Seit dem 16. März ist die Schule geschlossen. Die Corona-Pandemie hat nun auch Niedersachsen und Damme im Griff. Ich dreh mich um und versuche noch einmal einzuschlafen, aber an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Mist! Die innere Uhr ist unerbitterlich im Schulmodus. Ich stehe auf und wandle in die Küche. Kurze Zeit später sitze ich mit einer dampfenden Tasse Kaffee vor dem Rechner. Mal schaun, was die Schüler so machen. Da gibt es Fragen zu Aufgaben. Der eine hat die Materialien nicht mehr, die ich im Unterricht noch ausgeteilt hatte. Also einscannen und per Mail verschicken. Eine andere möchte noch etwas zur Aufgabenstellung wissen. Aber es gibt auch schon Ergebnisse zu gestellten Aufgaben, als Textdokument gut lesbar – die Luxusfassung sozusagen – oder das Foto eines handschriftlich bearbeiteten Arbeitsblattes und dann auch noch mit Bleistift und unscharf. Ich brauch noch einen Kaffee.

Nach einer kräftigen Dusche sind die Lebensgeister endlich angekommen und ich sitze mit der ganzen Familie am Frühstückstisch, was sonst nur in den Ferien oder am Wochenende möglich ist. „Was macht ihr gleich?“, frage ich in die Runde. Meine Mädel schauen mich entnervt an. „Meine Mathelehrerin hat uns einen ganzen Wochenplan geschickt und ich muss noch Spanisch und Englisch und …“, klagt die eine. Von der anderen ist zu hören, dass sie heute noch ein Bild malen müsse und eine Instrumentalstunde über Skype anstehe. Aha! Ich sehe meine Frau an, auch wir haben keine Langeweile und so sitzen wir kurz darauf alle vier an unseren Schreibtischen vor einem Bildschirm und arbeiten. Schule mal anders! Nach einer kurzen Orientierungsphase, kam die Entscheidung des Kultusministeriums doch recht kurzfristig, hatte sich der neue Tagesablauf schnell eingespielt. Im Grunde orientiert er sich am Stundenplan. Die Lerngruppen des Tages werden mit Aufgaben versorgt, Materialien werden erstellt und hochgeladen. Die Ergebnisse der Schüler werden gesichtet und die Lerngruppen oder die einzelnen Schüler erhalten eine Rückmeldung. Digitale Fortbildungsangebote machen die Runde und werden intensiv genutzt. Nach einer Woche kenne ich unseren IServ schön deutlich besser und weiß seine Möglichkeiten, Gruppen anlegen, Gruppen Aufgaben stellen, kollaboratives Schreiben etc. einzusetzen. Diese ganze Home-Office-Phase ist eine einzige digitale Fortbildung. Am Nachmittag, zuweilen auch am späten Nachmittag treffen wir uns. Nach der ganzen Schreibtischarbeit ist Frischluft und Bewegung angesagt: Bolzen im Garten, ausgiebige Waldwanderung oder ausgedehnte Fahrradtour. Das haben wir uns auch redlich verdient.

Bemerkenswert finde ich, dass die Schüler durch die Lern- und Altersgruppen hinweg zahlreich die „freiwilligen“ Lernangebote angenommen haben und auch überwiegend qualitativ gute Ergebnisse abgegeben haben. Nach 14 Tagen Unterricht am heimischen Schreibtisch frage ich mich, ob das die Schule der Zukunft ist: Jeder sitzt vor seinem digitalen Endgerät und kommuniziert nur noch über den Bildschirm. Das mag ich mir nicht genauer ausmalen wollen. Für mich gehören neben der digitalen Unterstützung das direkte Gespräch und die unmittelbare Begegnung wesentlich zum Lernen dazu. Ich mag es kaum laut sagen, aber ich vermisse meine Schüler und Kollegen.

Kategorien

Digital EU – and YOU?!

Digital EU – and YOU?!

Schulentscheid des Europäischen Wettbewerbs 2021 Wie im vergangenen Jahr gab es am Gymnasium Damme wieder einen Schulentscheid, der in dieser Form vom Europäischen Wettbewerb eigentlich nicht vorgesehen ist, aber auf diese Weise Wettbewerb und Schülerbeiträge der...

Infos zur Europawoche 2021

Infos zur Europawoche 2021

Liebe Schülerinnen und Schüler, vom 01.-05. März findet an unserer Schule wieder die Europawoche statt. Dieses Mal das erste Mal rein digital. Wir haben uns im Europa-Team ganz bewusst dafür entschieden, diese Woche wegen der schwierigen Planbarkeit nicht zu...

Lockdown Nr. …?

Lockdown Nr. …?

Gedanken zur Fastenzeit 2021 In welchem Lockdown sind wir eigentlich gerade? Eine Frage, die ich mir des Öfteren stelle. Es ist Ende Februar 2021. Ist es erst der zweite Lockdown oder schon der dritte? Im März 2020 fing alles an, Lockdown, wir machen alles zu. Und wir...

Newcomers

Newcomers

Musik-AG präsentiert erste Ergebnisse Nach den Herbstferien 2020 haben die Proben der „Newcomers“ begonnen. Zunächst konnten alle, fast 30 Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 5 und 6, gemeinsam musizieren. Leider konnten im Verlauf des Halbjahres nur noch Proben...

Ein Tag wie jeder andere?

Ein Tag wie jeder andere?

Neues Dossier zum Thema Gesundheit im WPU-Blog Ich denke, viele stimmen mir zu, wenn ich sage, dass Corona uns allen tierisch auf den Zeiger geht. Ziemlich unorganisierte Tage, ungesunde Ernährung, zu wenig Bewegung: Gerade in diesen Zeiten ist es wirklich wichtig,...