Ein Freigeist, der aus der DDR floh

28. Dezember 2022Allgemein, Erwachsen werden - erwachsen handeln, Schule mit Courage

Manfred Casper spricht im Gymnasium über sozialistische Diktatur

Damme (oev). Viele Erinnerungen an seine Kindheit im Erzgebirge und an die Ferienheime des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB) sind positiv. An seiner zunehmend kritischen Einstellung zum DDR-Regime sollten jedoch auch diese positiven Erfahrungen nichts ändern. Bereits 1969 als 18-jähriger Baumaschinist wollte Manfred Casper aus der sozialistischen Diktatur fliehen. Seine Beweggründe und seine Erfahrungen schilderte der Referent der Friedrich-Naumann-Stiftung nun den Schülerinnen und Schülern des 11. Jahrgangs im Dammer Gymnasium.
Er mahnte die Elftklässler zur ständigen Wachsamkeit und zog Parallelen zur Gegenwart. Unter den Vorwand, die Nazis aus der Ukraine zu vertreiben, habe Russland sein Nachbarland angegriffen. „Uns haben sie mit dem Bau der Mauer und dem sogenannten antifaschistischen Schutzwall ähnliches erzählt“, sagte Casper, der enttäuscht darüber ist, dass ein solches Denken auch im Jahr 2022 noch möglich ist.
„Ich bin und war ein liberaler Freigeist und das war in der DDR ein Problem“, erklärte Casper. Dies habe er bereits früh bemerkt. „Meine Mutter hat mich schon als Kind davor gewarnt, sich kritisch über Regierende zu äußern oder gar Witze zu machen“, erzählte der gebürtige Stollberger.
Auch in seinem Umfeld habe er viele Veränderungen wahrgenommen. Ein Lehrer von ihm war plötzlich „verschwunden“, und auch viele weitere Leistungsträger der Gesellschaft flüchteten aus der DDR. Er selbst wuchs in Stollberg nur 200 Meter vom größten Frauengefängnis der DDR entfernt auf.
Zusammen mit seiner Mutter durfte er bis Anfang der 1960er Jahre des Öfteren in die Bundesrepublik reisen und Verwandtschaftsbesuche tätigen. Später nutzte auch der Vorwand der „kranken“ Großmutter nichts mehr, die Besuche wurden von nun an abgelehnt. Dabei hatte seine Mutter noch 1961 kurz vor dem Mauerbau überlegt, mit ihm im Westen zu bleiben.
Letztendlich habe sie sich jedoch dagegen entschieden, um „die Familie zusammenzuhalten“. Bei den Besuchen in der Bundesrepublik merkte er schon als Kind, dass es diesem Teil Deutschlands nicht nur materiell wesentlich besser ging, sondern es auch deutlich freier war als die DDR. Er sah große Demonstrationen auf der Straße, die in dieser Form in der DDR undenkbar waren.
Noch maßgeblicher geprägt haben ihm jedoch die Fernsehbilder des Todeskampfs des 18-jährigen Peter Fechter, der 1962 beim Versuch, die Berliner Mauer zu überqueren, von DDR-Grenzsoldaten erschossen wurde und fast eine Stunde nach Hilfe schreiend im Todesstreifen liegen gelassen wurde.
Sieben Jahre später unternahm Casper selbst einen Fluchtversuch. Er verließ eine Reisegruppe, mit der er am Schwarzmeerstrand unterwegs war, und wollte über die bulgarisch-jugoslawische Grenze in den Westen zu fliehen. Dabei wurde er verhaftet und zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt.
Im Dezember 1970 gelangte er im Rahmen eines Häftlingsfreikaufs in die Bundesrepublik. Auch im Westen blieb er wegen des Verdachtes der Fluchthilfe im Visier des Staatssicherheitsdienstes. Für die Freiheit nahm Casper fast jeden Preis in Kauf.

Steffen Oevermann (Oldenburgische Volkszeitung, 03.12.2022)

 

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